1890
1946

1946 in Baumgarth, von Gerd Lau (November 2009)


Der einachsige Wagen, gezogen von einem Pferd, rollt über die Sorgebrücke. Auf dem Fuhrwerk meine Mutter, damals 43 J., mein Bruder 13 J. und ich 9 J. alt, dazu unsere gesamte, restliche Habe. Wir kommen aus Preußisch Rosengart, meinem Geburtsort und bisherige Wohnung. Das Kriegsende und ein schreckliches Jahr mit Russeneinmarsch, Plünderungen, kurzzeitige Verschleppungen, Vergewaltigung, Brandstiftung, Hunger, Krankheiten und immer wieder Angst, liegen hinter uns.

Jetzt bringt uns der Pole Anton Wrobel, neuer Besitzer unseres letzten Aufenthaltsortes in Pr. Rosengart, in den Geburtsort von Mutter nach Baumgarth. Es ist Frühjahr 1946.

Unterkunft haben wir zunächst bei meinem Onkel Hermann Soth, der mit Frau aus Pommern zurückgekehrt ist. Dort wurde der Treckwagen von sowjetischen Truppen eingeholt, sie ausgeplündert, misshandelt und zurückgeschickt, „Damoi“ wie es damals hieß.

Doch von was jetzt leben? Lebensmittelkarten, Unterstützungen, staatliche Ordnung, Ärzte gibt es für Deutsche nicht. Polnisches Geld ist nicht vorhanden. Auch eine eigene Wohnung soll gesucht werden, bei Onkel und Tante ist es zu eng.

Häuser stehen genügend leer, alle geplündert und verwüstet, Hausrat, Wäsche, Geschirr, wild durcheinander, türmt sich bis zum Eingang. Ein scheinbar geeignetes Gebäude in der Nähe wird gefunden. Mutter und Tante beginnen mit aufräumen und sauber machen. Dabei entdecken sie eine riesige Blutlache auf dem Fußboden, in der einige Bibelseiten kleben. Auch ein abgetrennter menschlicher Kopf liegt noch unter dem Unrat. Angewidert verlassen die Frauen den grausigen Ort.

Im Haus der Familie Mull an der Bach, direkt am Kirchhofsberg, finden wir dann eine Unter-kunft. Es fehlt an allem und so durchstreifen mein Bruder Hans und ich die leer stehenden Häuser nach Brauchbarem. Finden auch hier einen Kochtopf, dort eine Wäschestück oder noch benutzbare Kleidungsstücke. In einem Haus steht groß mit Farbe geschrieben:

„Klauen verboten“

- ja, ein frommer Wunsch. Wir kommen auch auf die Schäferei, dort liegen zwei menschliche Skelette, unbekannte Tote, wie so viele in dieser Zeit.

Auf einer Anhöhe, außerhalb des Ortes, stand ein Blechhäuschen, etwa so groß wie eine Telefonzelle, ausgekleidet mit Matratzen und Blicköffnungen nach allen Seiten. Wozu es wohl gedient hat, Beobachtungsstelle oder Fluchtpunkt?

An einem schönen Sonnentag kommen wir – zum Glück – gerade noch rechtzeitig zur Wohnung zurück. Schon vom Eselsberg sehen wir, wie ein polnischer Milizionär auf unsere Mutter einschlägt und sie wegzuzerren versucht. Wir stürzen sofort auf Mutter zu, die bereits aus Mund und Nase blutet und klammern uns an sie. Der noch junge Pole gibt schließlich auf Grund unserer heftigen Gegenwehr auf und verlässt unter Androhung weiterer Maßnahmen das Grundstück. Später erfahren wir, dass Mutter angeblich schlecht über Polen gesprochen haben soll – was andere Deutsche angezeigt haben – und sie deshalb verhaftet werden sollte. In Angst vergehen die nächsten Tage, aber zum Glück bleiben weitere „Besuche“ der Miliz aus.

Auf dem Hof Bröske haben die Russen eine Art Kolchose eingerichtet. Restliches Vieh zu-sammengetrieben, Ackerwagen, Leiterwagen und anderes landwirtschaftliches Gerät gesammelt. Auch Landwirtschaft wird versucht. Hier arbeitet schon Onkel Hermann, andere Fluchtrückkehrer, Versprengte aus anderen Orten, Franz Reimer und Frau Hildebrandt. Dort werden auch wir drei „eingestellt“. Mutter für Stall- und Feldarbeit (die guten Posten in der Küche sind besetzt), Hans wird Gespannführer und ich werde zum Hüten des Jungviehs eingeteilt. Aber hier bekommen wir Essen und sind vor Übergriffen einigermaßen sicher.

Erwachsene erhalten auch wöchentlich eine Ration Zucker, auf dem Hof Bröske ist ein ganzer Raum damit gefüllt.
Neben meiner Hütetätigkeit versuche ich schon nebenbei Ackerwagen wieder fahrbereit zu machen. Als mein Bruder einen Radbruch an seinem Fuhrwerk erleidet, stecke ich ihm ein neues Rad auf und schraube es vermutlich fest. Aber mit mäßigem Erfolg, nach einigen Hundert Metern verliert er das Rad schon.
Plötzlich Anschuldigen gegen mich: Ich soll ein Kalb so geschlagen haben, dass es notgeschlachtet werden musste. Auch der russische Kommandant schimpft mit mir, sein Ton ist aggressiv. Obwohl ich wenig verstehe, er spricht kam Deutsch, aber die russischen Flüche verstehe ich schon und Angst habe ich unwahrscheinlich.
Später hören wir, dass nur ein Vorwand für das Schlachten des Tieres gesucht wurde, denn das Fleisch war knapp...

Dem zu betreuenden Jungvieh hatte ich Namen gegeben, eins nannte ich z.B. „Ortmann“, weil es sich immer abseits hinlegte und Ortmanns Hof lag ja auch außerhalb. Aber misshandelt habe ich die Tiere nicht.

Eines Tages kommen polnische Musiker nach Baumgarth und aus dem Gasthaus Walter erklingt bald Musik, Polen sind die Gäste. Ungewohnte Töne in der trostlosen Zeit.
Immer mehr Polen kommen nach Baumgarth. Gerüchte über Ausweisungen ins “Reich” kursieren. Zettel, die angeblich zur Ausreise berechtigen, werden verteilt. Nach einigen Tagen müssen wir am Eselsberg mit Handgepäck antreten, angeblich Ausreise. Nach langem Warten sammeln Polen die Zettel ein. Eine junge Frau findet das Papier nicht gleich und wird brutal ins Gesicht geschlagen. Anschließend zurück in die Wohnungen, keine Ausreise, wird uns erklärt. Bei der Rückkehr ist unsere Wohnung bereits geplündert, mühsam zusammengesuchte Betten und andere Sachen wurden gestohlen.

Ob die so genannte Kolchose in Baumgarth aufgelöst wurde, kann ich nicht sagen. Aber wir zogen um, über die Sorge, nur ein kurzes Stück, auf die Melkerei Jankendorf (korrekt Viehwirtschaft). Dort war der Arbeitsablauf ähnlich wie in Baumgarth, wieder unter russischer Leitung.
Von dort wurden wir im November 1946 über Pr. Holland ausgewiesen, landeten nach tagelanger Fahrt im Güterwagen im Flüchtlingslager Kirchmöser/Havel, kamen in den Ort Briest im Kreis Jerichow und von dort im Frühjahr 1947 schwarz über die Zonengrenze nach Mallinghausen, Kreis Diepholz in Niedersachsen.

Wir waren endlich in der „2. Heimat“ angekommen, wie ich sie heute rückblickend bezeichne.

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