1890
Auswanderung

VOR 50 JAHREN von Wilhelm Harder (2003), ursprünglich aus Halbstadt


Ich habe diesen meinen kurzen Bericht so genannt, weil eben 50 Jahre ein bemerkenswerter Zeitpunkt in verschiedenen Lebenslagen bedeutet. Erst einmal das Alter eines Menschen, zum anderen z.B. 50 Jahre Eheleben, die Goldene Hochzeit zweier Menschen, ein Ehrentag für das Paar, ein Festtag für alle, die dabei sind.

Wir gedenken unserer Ankunft in Kanada vor 50 Jahren. Wir schauen zurück auf 50 Jahre, die damals für uns am 10. Mai 1953 begannen, den Tag, an dem wir zum ersten Mal unseren Fuß auf kanadischen Boden setzten.

Weder wir, wie auch die Pilgrime auf der Mayflower vor vielen Jahren haben die damalige Schiffsreise vergessen…Was ich also vorhabe, ist einiges aus dem Tagebuch meines Vater zu zitieren, was er so in den Tagen vom 30. April bis zum 9. Mai festgehalten hat; nicht nur tatsächliche Begebenheiten, sondern auch seine Gefühlen.

Wir, die Nachkommen, und unsere Kinder und Großkinder, sind den Eltern zu großem Dank verpflichtet. Durch ihren vor über 50 Jahren gefassten Entschluss, für sich und ihre Familien eine bessere Zukunft zu erarbeiten.

Und nun seine Aufzeichnungen.

“30. April 1953.
Ein Tag, der wohl bisher der bedeutungsvollste unseres Lebens war. Wir haben Deutschland verlassen, um drüben in Kanada eine neue Heimat zu suchen. Wir haben Abschied genommen, nach menschlichem Ermessen für immer, von Geschwistern, allen Verwandten und von der lieben alten Heimat.

Nie werden wir sie vergessen, die Heimat, wo unsere Ahnen vor mehr als 400 Jahren uns den Weg zu einem gewissen Wohlleben bahnten. Der Krieg und die Nachkriegszeit hat uns genommen was wir einst besaßen. Wir haben neben dem Verlust unserer ganzen irdischen Habe viele unserer Lieben zu beklagen. Aber, wir wollen trotzdem den Mut nicht sinken lassen. Gott, der Herr, der uns von lichten Höhen in dunkle Täler geführt hat, wird uns auch weiter helfen wenn wir nur fest auf ihn vertrauen. Seinen Beistand und fühlbare Nähe und Hilfe haben wir auch auf dem unebenen Lebensweg erfahren dürfen.

Wirtschaftlich jedoch hatten wir kein Weiterkommen. Seit 1949 war ich arbeitslos. Die kärgliche Unterhaltung reichte kaum zum Sattessen. Es war eine kleine Beihilfe, wenn ich Gelegenheit hatte, ab und zu etwas Nebenverdienst zu haben. Sehr viel haben uns die Kleiderspenden und Spenden an Lebensmittel unserer lieben Glaubensgeschwister in Kanada und USA geholfen. Schwer war es für uns, Unterstützungsempfänger zu sein und auf milde Gaben angewiesen zu sein. An eine Besserung unserer Lage war in absehbarer Zeit nicht zu denken. Von früher ausgewanderten Bekannten hörten wir immer wieder, dass sie es in Kanada gut angetroffen haben und drüben auch ein besseres Fortkommen ist. Nach vielen Überlegungen fasten wir endlich den Entschluss zur Auswanderung.

Am 2. Osterfeiertag abends erhielten wir vom MCC die telegrafische Meldung, dass das Schiff BEAVERBRAE erst später auslaufen wird und wir den näheren Bescheid abwarten sollten. Dieser Bescheid traf am 20. April ein mit dem Hinweis, dass die Beaverbrae am 30. April abfährt. Nun begann, nach einigen Ruhetagen, die uns vergönnt waren, das Packen von neuem. Unser Großgepäck bestand aus 6 Kisten und eine kleinere, im Gesamtgewicht von 16.8 Zentner. Dieses alles ließen wir am 23. April zollamtlich abfertigen und am gleichen Tag gaben wir es mit der Bahn per Eilgut nach Bremen zum Überseeheim auf. Wir selbst fuhren mit dem Handgepäck, welches wir in 6 Koffern untergebracht hatten, am 24. April um 9:40 Uhr von Bargteheide, unserem Wohnort für die vergangenen 6 Jahre, ab. Um 15:30 Uhr trafen wir im Überseeheim ein. Auch hier begann wieder eine rastlose Zeit, sollten doch bis zum 30. April alle Ausreiseformalitäten erledigt sein. Hier erfuhren wir auch, dass wir kein Geld mehr zur Überfahrt brauchten noch mitnehmen durften. So mussten wir unser für diese Zwecke zurückgelegtes bisschen Geld noch schnell an den Mann bringen. In aller Eile wurden letzte Einkäufe getätigt bis die letzte D-Mark ausgegeben war. Am Sonntag, den 26. April, fand im Überseeheim unser letzter deutscher mennonitischer Gottesdienst statt. Es sprach Ältester Bartel, der uns Auswanderern viel Glück und Gottes reichsten Segen wünschte für die große Reise in die neue Heimat.

Die letzten 3 Tage waren ausgefüllt mit Erledigung aller Vorschriften der Auswanderungsbehörde, und ich muss sagen, es waren derer nicht wenige. Am letzten Tag, den 29. April, begann wieder ein eifriges Packen. Da wir es nun bald gewohnheitsmäßig taten, ging es schon viel besser. Das Großgepäck war schon am Tage vorher zum Schiff gebracht worden. Aber auch der Inhalt des Handgepäcks sollte zollamtlich untersucht werden. Zu diesem Zweck musste jeder Koffer ein besonderes Inhaltsverzeichnis haben. So wurde es gestern recht spät als wir uns endlich zur Ruhe niederlegen durften.

Der 30. April, Tag der Abfahrt.
Um 12 Uhr verließen auch wir das Überseeheim in Omnibussen, die schon bereit standen. Viertel nach zwölf erreichten wir den Hafen und machten Bekanntschaft mit unserer Beaverbrae, die uns zu unserem nächsten Ziel, dem Hafen von Quebec bringen soll. Um 12:20 Uhr schritten wir über den angelegten Landungssteg. Wir erhielten jeder unser Bett zugewiesen und begaben uns dann wieder an Deck. Die Musikkapelle spielte einige Abschiedslieder und zur Ermunterung einige Märsche. Nach dem 3. Signalton setzte sich die Beaverbrae um 13:20 Uhr langsam in Bewegung, nachdem kurz zuvor die Landungsbrücke hochgezogen wurde. So wurden wir getrennt von dem geliebten schönen Vaterland und den am Ufer stehenden zurückgebliebenen Winkenden. Die Schwere der Stunde sah man den Meisten an, denn hier, wie drüben, bleib kaum ein Auge trocken. Im langsamen Tempo fuhren wir der Wesermündung zu, wo wir etwa 18:00 Uhr Bremerhaven erreichten. Hier hatten wir bei der Vorbeifahrt Gelegenheit
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uns das bedeutend größere Schiff “Fairsea” anzusehen, welches auch schon zur Ausfahrt bereit lag. Der Teil unserer Heimgenossen vom Überseeheim, die mit diesem Schiff fuhren, winkten uns Grüsse zu. Es waren wohl die letzten Winke in Deutschland. Die Mündung der Weser wurde zusehends breiter, das Land entfernte sich mehr und mehr. Vom Promenadendeck, auf dem wir uns ein Plätzchen ausgesucht hatten, konnten wir bei schönem Sonnenschein das Ufer nach und nach entschwinden sehen. Bei Eintritt der Dunkelheit konnten wir unser liebes Deutschland nur noch als einen dunklen Streifen am Horizont erkennen. Mit Eintritt der Nacht nahm uns bei ruhiger See die Nordsee auf. Jetzt erst nahmen wir uns Zeit, das zugewiesene Nachtlager anzusehen. Männer und Frauen waren in getrennten Kabinen untergebracht. Damit will ich die Aufzeichnungen der Eindrücke des ersten Tages auf der Beaverbrae beschließen. Dieser Tag war ein Meilenstein auf unserem Lebensweg, den wir nie vergessen werden. Er führte einen sehr schweren Entschluss aus, der ausschlaggebend und entscheidend war für kommende Generationen.

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Familie Harder am 30. April 1953.
Von links nach rechts: Herbert Harder, Wilhelm Harder sen., Wilhelm Harder, Renate Harder, Käte Harder. Ganz rechts stehend eine Cousine.

1. Mai, zweiter Tag der Reise.
Mit unserm Vaterland haben wir in dieser Nacht auch die mitteleuropäische Zeit verloren. Wir haben die Nacht, die erste auf dem Schiff, alle gut überstanden. Beim Betreten des Decks zeigt sich unseren Augen ein ungewöhnlich schöner Anblick. Rings herum das weite Meer. Als wir gegen Abend den Calais-Dover Kanal durchfahren, war merkliches, aber nur schwaches Schwanken des Schiffes zu verspüren. Abends wurde uns die Gelegenheit gegeben, einem Konzert oder ein Kinostück anzusehen. Unsere Oma hat fast den ganzen Tag gestrickt und befindet sich wohlauf. Renate macht es viel Spaß auf dem weiten Meer die Wellen zu beobachten. Sie fragt, ob die weißen Kämme der Wellen Schnee wären. Ingrid hat einige Male von dem Überfluss ihres Magens den Fischen etwas abgegeben. Herbert ist kaum zu sehen. Mit dem mitgebrachten Fernglas beobachtet er den Horizont und die vorbeifahrenden Schiffe.

Den 2. Mai.
Wir fahren immer noch an Englands Küste entlang, die fast immer bei Sonnenschein und ganz klarem Wetter gut sichtbar ist. Nachmittags entschwand endgültig das letzte Stück Europas.
Wie ich schon anfangs erwähnt habe, kamen wir ohne Geld an Bord. Heute erhielten wir von der Schiffsleitung jeder $2.50, die ersten, die wir bisher zu sehen bekommen haben. Aber auch die ersten Schulden, die wir uns verpflichtet haben, abzuzahlen.

Sonntag, der 3. Mai.
Schon beim Erwachen merkte man, dass das Auf und Nieder des Schiffskörpers mehr geworden ist. Wir befinden uns im Atlantischen Ozean! Die Wellenhügel sind größer geworden. Mit dem stärkeren Schwanken des Schiffes sind auch schon mehrere Seekranke zu verzeichnen. Mutti fühlt sich nicht ganz wohl. Willi und Herbert müssen zum Essen gezwungen werden. Mein Befinden ist noch als gut zu bezeichnen. Nur etwas Kopfdrücken und schwindelig.

Über die nächsten 3 Tage hat mein Vater keine Aufzeichnungen gemacht, erst am 7. Mai schreibt er weiter.

7. Mai.
3 schwere Tage liegen hinter uns. Starke Kopfschmerzen und Schwindelanfälle machten es mir unmöglich, irgendwelche Aufzeichnungen zu machen. Wir hatten bis zu Windstärke 8. Wohl die meisten waren seekrank. Wie eine Nussschale war unsere Beaverbrae dem Ozean preisgegeben. Es lässt sich kaum beschreiben, das muss man selbst erlebt haben, um es zu fassen. Mir fiel auf, dass Kinder bis zu 10 Jahren wohl alle von der Seekrankheit verschont blieben. Die 4 angebrachten Schaukeln auf dem Kinderspielplatz bleiben auch beim stärksten Schwanken des Schiffes nicht unbenutzt. Renate spürte nicht das geringste Unbehagen. Als ich sie in der Kabine aufsuchte, sagte sie ganz beruhigt: Papa, halt dich man schön fest, sonst fällst du um, es schaukelt sehr, komm mal her, ich werde dich fein machen, du bist ja noch nicht gekämmt.

Freitag, den 8. Mai.
Die Uhren wurden bisher 5 Stunden zurückgestellt. Ruhiger Seegang. Wohlbefinden und Appetit wird im Allgemeinen besser.

Land! So erscholl heute abends der freudige Ruf aus vieler Mund. Das erste Stück unserer neuen Heimat. In etwas diesiger Sicht erblickten wir in weiter Ferne hohe Berge. Es war die Südwestspitze von Neufundland. Bei Sonnenuntergang ist die See sozusagen spiegelglatt und kaum ein Schwanken des Schiffes zu bemerken. Die 3 Schreckenstage auf dem Ozean kommen uns bei diesem Anblick wie ein böser Traum vor.

Sonnabend, den 9. Mai.
Es ist 5 Uhr morgens. Ich habe den herrlichen Anblick des Sonnenaufgangs auf glatter See genossen. Durchs Fenster des Lesezimmers sehend, erkenne ich jetzt klar und deutlich rechts eine Inselgruppe, die sich malerisch am Horizont abhebt.
Seemöwen umkreisen wieder das Schiff.”

Soweit das Tagebuch meines Vaters. Der letzte Satz lässt etwas von Hoffnung und Zuversicht ahnen.

Die Überfahrtkosten beliefen sich damals auf 825 Canadian Dollar für 5 Personen, d. h. meine Eltern, mein Bruder, meine Schwester und mich. Diese Reiseschuld hatten wir in 18 Monaten abgezahlt. Wir landeten in Quebec City, wurden dann per Bahn über Montreal und Toronto nach St. Catharines gebracht.
Auf dem lokalen Bahnhof wurden wir von dem Farmer abgeholt, der sich verpflichtet hatte, meinen Vater für ein Jahr zu beschäftigen. Mein Bruder und ich arbeiteten bei Nachbarfarmern. Meine Schwester war damals 3 1/2 Jahre alt. Die Aufnahme, das Arbeitsverhältnis, die Wohnung liessen zu wünschen übrig - kurz gesagt, meine Eltern waren zuerst ziemlich enttäuscht.
Im Laufe der Zeit änderte sich die Lage zum Besseren, mein Vater hat jedoch bis an sein Lebensende damit gekämpft, ob die Auswanderung wirklich das Richtige für unsere Zukunft darstellte. Ich habe ihm immer wieder versichert, dass es damals die richtige Entscheidung war. Unsere jetzige Lebenslage beweist es nur zu genau. Wir leben nun seit über 60 Jahren in Frieden, mein Vater hatte bis 1945 zwei Weltkriege erleben müssen, bevor er 45 Jahre alt war.

Beaverbrae02

Die Beaverbrae


Zur ebenfalls bewegten Geschichte des Schiffes ‚Beaverbrae’ siehe: http://www.ssmaritime.com/aurelia.htm
Das oben eingefügte Bild ist ein Scan von Fred Siewart.

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