1890
Erinnerungen 2

Fluchterinnerungen (aufgeschrieben von U. Würfel)


Meine Mutter ist mit zehn Kindern am 23. Januar 1945, nachts um 23.30 Uhr mit dem Treck geflüchtet.

Mutter Liesbeth, die Tochter Ursula, der Bruder Heinz, Willy, Horst, Lene, Edith, Erika, Hansi und Irma. Auch unser Onkel Kurt, der gerade auf Fronturlaub war.

Vater war zum Volkssturm eingezogen. Unsere Flüchtlingsfahrt ging von Thörichthof über Klakendorf, Notzendorf, Altfelde, Katznase, Königsdorf über die Nogat längs dem Nogatdamm dann weiter bis Gr. Zünder.

Am 28.01.1945 sind wir dort angekommen. Am 29.01.1945 abends ging es los nach Danzig und um
24.00 Uhr nachts kamen wir in Tobis Kino an. Onkel Kurt hatte sich von mir und den kleinen Geschwistern verabschiedet, Mutter war auf dem Amt, Lebensmittelkarten tauschen und es hätte ihm das Herz gebrochen, unserer Mutter Lebewohl zu sagen.

Er ging am 30.01.1945 los, wurde gefangen und kam zur Strafkolonie nach Russland. Er wollte uns doch nur weiter helfen, weil wir keinen Vater bei uns hatten.

Am Donnerstag den 01.02.1945 kamen wir in der Danziger KdF-Halle an. Wir sollten erst mit der Gustlow eingeschifft werden. Wir sind am 15.02.1945 mit dem Zug weiter nach Kolberg und am 16. Februar 1945 sind wir dort angekommen.

Heinz hatten wir auf dem Treck verloren und am 01.03.1945 ist auch er durch glückliche Umstände wieder bei uns. Am 04.03.1945 wurden wir um 1.30 Uhr nachts geweckt und um 4.00 Uhr morgens ging es wieder los zum Bahnhof, wo wir dann in Viehwagen eingestiegen sind. Die Fahrt von Kolberg nach Grewesmühlen dauerte 8 Tage und 8 Nächte – immer unter Fliegerbeschuss – es war bitterkalt, wir hatten nichts zu Essen und nichts zu Trinken, die kleinen Zwillinge Hans und Irma schrieen vor Durst und Hunger. Von der Bahnmission bekamen wir dann eine Flasche Milch, ich bin dann zur Lokomotive gelaufen und habe noch ein Flasche Wasser geholt - es war wie ein Tropfen auf den heißen Stein.

Heinz wollte uns was zum Essen besorgen gehen, aber der Zug ist ohne ihn abgefahren, also war er am 05.03.1945 wieder abhanden gekommen.

Wir sind am 11.03.1945 in Grevesmühlen angekommen. Die Fahrt von Kolberg nach Grevesmühlen dauerte vom 04.03.1945 bis 11.03.1945. Dort angekommen kamen wir in einer Schule unter, die Kinder wurden dann erst mal alle gebadet. Ich selber weiß nichts mehr, Mutter sagte nur, ich sei dann zusammengebrochen vor Hunger und Kälte. Unsere Hände und Füße waren ja angefroren und Willy musste man die Schuhe aufschneiden.

Am Freitag den 29.03.1945 sind wir mit einem Lastwagen in Brunsbüttel-Koog angekommen. In der Luftschutzschule fanden wir dann Unterkunft.

Edith, Kurt und Erika hatten auf der Fahrt nach Brunsbüttel die Masern bekommen und am 01.04.1945 kam aber dann erst die Ärztin. Alle drei hatten hohes Fieber und abends um 17.30 Uhr kamen die drei nach Edellack ins Krankenhaus.

Durch unsere Tante aus Berlin hat Heinz uns am 08.04.1945 wieder gefunden.

Am 30.04.1945 ist unsere liebe Schwester Erika an den Folgen der Masern gestorben - es war Ostern - Heinz hat sie mit einem kleinen Handkarren von Edellack nach Brunsbüttel-Koog geholt, wo sie dann in die Leichenhalle kam und am 03.05.1945 wurde sie dann beerdigt.

Meine Schwester Edith und mein Bruder Kurt wurden am selben Tag aus dem Krankenhaus entlassen. Ich musste meinen Bruder Kurt 7 Kilometer auf dem Rücken von Kilometerstein zu Kilometerstein tragen, er war so schwach und ausgehungert, dass er weder laufen noch stehen konnte. Ich wollte nicht, dass er in Edellack genauso verhungert, wie viele andere auch.

Willy ist am Kanal bei einem Panzerfaust-Beschuss ums Leben gekommen, bei dem Unglück haben viele junge Menschen ihr Leben lassen müssen. Die Beerdigung dieser Armen war am 19.05.1945.

Am 14.06.1945 ist dann Horst sehr krank geworden. Er kam nach Albersdorf ins Krankenhaus und am 05.07.1945 ist er wieder glücklich und gesund zu uns zurückgekehrt.

Wir mussten am 06.061945 morgen um 7.30 Uhr nach Kudensee mit einer Kohlenschutte und arbeiten. Nach einiger Zeit kamen wir wieder nach Brunsbüttel-Koog zurück, wurden dann in die Ostermorstrasse verfrachtet, aber nicht für lange Zeit. Schon war es wieder soweit, ab in die Tiedemannstrasse, jetzt begann für uns eine sehr schwere Zeit; unsere liebe Mutter, die immer so tapfer ihre schützende Hand über uns gehalten hatte, wurde sehr krank. Der Arzt hatte sie schon aufgegeben, sie hatte sich schon alles aufgelegen und richtige Löcher im Rücken.

Der Arzt sagte, sie muss ins Krankenhaus, aber sie wollte nicht, ich denke immer noch an ihre Worte, als sie sagte: Wenn ich sterben soll, dann nur bei meinen Kindern!

Was hätte ich dann bloß meinen kleinen Geschwistern gesagt? Die Mutter war krank vom 04.07.1945 bis zum 15.09.1945. Danach mussten wir mit der kranken Mutter nach Kudensee ins Barackenlager. Viele bekamen dort Typhus und bei uns wurde die gelbe Pestfahne gehisst. Es starben sehr viele Menschen an der Krankheit.

Unserer Mutter ging es dann aber von Tag zu Tag besser und wir waren glücklich, dass sie nicht im Krankenhaus geblieben ist.

Wir sind in Kudensee geblieben bis zum 12.09.1945. Endlich sind wir dann am 28.12.1945 in Brunsbüttel-Koog bei den Baracken am Kanal gelandet. Die Baracken waren jetzt unser Zuhause und wir hatten dort eine schöne Flüchtlingsgemeinschaft.

Unser lieber Vater ist durch unsere Tante Lene in Berlin dann zu uns nach Brunsbüttel-Koog gekommen - es war an Mutters Geburtstag, am 02.06.1945. Jetzt fehlte nur noch unser Onkel Kurt, der in Gefangenschaft geraten war – er war für uns wie ein großer Bruder und wir verdanken ihm doch sehr vieles.

Liebe Mutter, was hast Du in dieser schweren Zeit alles mitgemacht. Wir verdanken Dir sehr viel und Du hast immer deine schützende Hand über uns gehalten, ohne einmal zu klagen!

Das war der Fluchtweg, den mir meine Mutter mit kleinen Stichworten gegeben hatte, es soll Euch auf Eurem Lebensweg begleiten.

 

In Liebe und Dankbarkeit, Eure Schwester Ursula (ehemals aus Thörichthof)

 

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