1890
Erinnerungen II

Weihnachten 1945, von Egon Epp (November 2005)


Wie war es eigentlich damals vor 60 Jahren? Der Krieg war zwar zu Ende, aber der Friede war noch nicht da. Die Flucht vor der Roten Armee hatte uns mit Gottes Hilfe im kalten Januar aus unserer westpreußischen Heimat bis in die Gegend von Stolp gebracht. Wenn ich hier von „uns“ und „wir“ spreche, so meine ich damit unseren Onkel Bruno und seine Frau, Tante Clara, unsere Mutter, meine Schwester Hannelore und mich. Wir blieben auch das ganze Jahr 1945 immer zusammen.
Dort in Pommern wussten wir ja gar nicht, wo wir überhaupt waren. Immer wieder kam die Parole auf: „Ja, Pommern bleibt deutsch“. Doch überall gab es russische und polnische Kommandanturen.
Bis sich Tante Clara im November auf den Weg nach Berlin machte. Sie kam zwei Wochen später wieder zurück, mit der Nachricht: „Wir sind in Polen; wir müssen raus.“
Wieder wurde gepackt, was man tragen konnte. Am 1. Dezember gingen wir zu einer kleinen Bahnstation östlich von Stolp. Das Wetter war für Dezember noch sehr gut und mild. Auch der Güterzug, mit dem alle Deutschen aus Polen gebracht wurden, ließ nicht lange auf sich warten.

Um etwa ein Uhr nachmittags ging die Reise los. Es ging auch alles ganz gut bis zum Einbruch der Dunkelheit. Dann fuhr der Zug auf jeder Station sehr langsam und bewaffnete Männer sprangen auf die Waggons. Das Gepäck wurde immer wieder durchsucht und wer noch ein gutes Kleidungsstück am Leibe hatte, musste es ausziehen.
So kamen wir, wenn auch etwas „erleichtert“, um Mitternacht an der Grenze an. Hier sahen wir im Schein der trüben Lampen, dass wir wirklich einen Schutzengel hatten. Einige waren in Decken gehüllt, andere blutig geschlagen. Es war wirklich ein Anblick des Grauens.
Die Fahrt ging nun in einem ostdeutschen Zug weiter nach Berlin, Bahnhof Friedrichstraße. Dort war das große Auffanglager. Nach Aufnahme des Namens kam die Entlausung und dann die Ausgabe von Lebensmitteln. Da wir eine Adresse von Bekannten in Berlin hatten, brauchten wir nicht im Lager bleiben, sollten uns aber jeden Tag melden und auch die Lebensmittelrationen abholen.

Bei herrlichem Sonnenschein kam nun dieses kleine, etwas zerlumpte Häuflein in der Wrangelstraße bei unseren Bekannten an.
Die Tage in dem zerstörten Berlin vergingen schnell. Die Straßenbahn und auch die S-Bahn fuhren pünktlich. Die Berliner „Trümmerfrauen“ haben wirklich viel geleistet, um Straßen von Ziegeln aufzuräumen. Unsere Mutter und Tante Clara schrieben Briefe an die Adressen, die wir hatten, um Verwandte wiederzufinden.
Schon am 7. Dezember wurde ein Flüchtlingstransport zusammengestellt, aber wohin? Das wusste keiner. Immer wieder standen auf dem toten Gleis, bis wir am 9. Dezember in Bad Kleinen, am Schweriner See, ausgeladen wurden. Es war mein 16. Geburtstag.
Die Strecke, für die man damals fast drei Tage mit der Bahn brauchte, fährt man heute in etwa drei Stunden mit dem Auto oder Bus.
Das Lager, das in einem Wald gelegen war, hieß Loften, wenn ich mich recht erinnere. Es waren russische Baracken, die Räume auf beiden Seiten mit Pritschen ausgestattet. Hier lagen wir nun mit vielen Menschen aus den deutschen Ostgebieten, die alle das gleiche Los teilten. Aber Gott sei Dank, wir waren gesund.

Am nächsten Tage meldete ich mich zur Arbeitsbrigade. Wir hatten so nicht nur etwas zu tun, sondern bekamen mittags auch einen Teller Suppe für den knurrenden Magen. Unsere Arbeit war, das Massengrab jeden Tag etwas länger zu schaufeln. Die Arbeit war nicht schwer, denn der Waldboden war sandig. An jedem Morgen kam der Wagen mit 12 bis 20 Toten; die meisten davon Kinder. Sie waren wohl die Unschuldigsten an dem wahnsinnigen Krieg und dessen Folgen. Die es konnten, gaben diesen kleinen Seelen, auf unseren Spaten gestützt, ein stilles Gebet mit auf die letzte Reise.
Als meine Mutter nach etwa einer Woche sah, dass wir dort am offenen Grab arbeiteten, sagte sie zu mir nur: „Jung, da gehst Du nicht mehr hin.“ Es war gut gemeint, aber es war schon zu spät: Die glasigen, gebrochenen Augen dieser Kinder werde ich nie vergessen. Ja, was sollte ich nun tun? Aber der liebe Gott ist immer an unserer Seite, wenn man ihn
bittet.
Schon am nächsten Tag, bei einem Spaziergang durch den herbstlichen Wald, traf ich einen Herrn von der Lagerverwaltung. Er fragte mich, ob ich nicht jemanden kenne, der ihm ein Regal bauen könnte. – „Mein Onkel ist Stellmacher, der kann das.“ – Die Zwei wurden sich auch schnell einig. Dann fragte er mich, ob ich mit Pferden umgehen könnte. Da ich mit Pferden aufgewachsen war, dürfte dies kein Problem darstellen. Wir beiden hatten Arbeit und vor allem ein gutes Mittagessen auf einem kleinen Bauernhof. Am nächsten Tag sollte auch meine Schwester mitkommen, zum Saubermachen von Zuckerrüben und Sirupkochen.

Wir hatten nun Arbeit und Brot, was bei den damaligen Verhältnissen viel wert war, und wir waren sehr dankbar dafür. So gingen wir Weihnachten entgegen, dem Fest aller Feste, hier in diesem Lager, wo Hunger, Krankheit und Tod herrschten.
Heiligabend war es sehr still in unserer Baracke. Jeder hing seinen Gedanken nach und auch die kranken Kinder waren sehr ruhig. Es muss wohl so um sechs oder sieben Uhr gewesen sein, etwa die Stunde, in der wir zu Hause in die „Gute Stube“ gingen, um beim Glanz des Weihnachtsbaumes die Geburt Christi zu feiern. Da öffnete sich unsere Tür und drei Personen traten ein. Beim Schein einer kleinen Taschenlampe wurden unsere Namen genannt. Dann hörten wir nur einen Ruf: „Mutti, Papa!“ Es war unsere Cousine Ruth, die ihre Eltern und uns gefunden hatte. Die anderen Zwei waren von der Lagerverwaltung.
Ruth hatte den Brief aus Berlin empfangen und konnte als Rote-Kreuz-Schwester überall Auskunft erhalten bei ihrer Suche nach uns.
So wurde der Schein der kleinen Taschenlampe für uns das große Licht von Bethlehem.
Es gab viel zu erzählen und viel Ursache, dem Herrn zu danken, denn durch Ruth bahnte sich unser Weg aus dem Lager nach Finsterwalde in der Mark Brandenburg. Auch unsere älteste Schwester Else hatte das Kriegsende gut überstanden. Sie arbeitete als Krankenschwester in einem Krankenhaus in Sachsen.

In den letzten sechzig Jahren habe ich oft die Frage gestellt: „Warum kam damals dieser Weihnachtsengel zu uns, wo doch so viele Menschen viel mehr leiden mussten?“ Wir waren doch gesund.
Aber ich bin dem lieben Gott dankbar für seine Führung und Kraft, die mich auf allen Wegen meines Lebens begleitet hat.


Im Kapitel Auswanderung II können Sie nachlesen, wie diese Geschichte in den darauffolgenden Jahren weitergegangen ist.

Home

BuiltWithNOF
[INTRO] [Pr. Rosengart] [INHALT] [Geschichte] [Fotos] [Melodia] [Menschen] [Pläne] [Der Friedhof] [Erinnerungen] [Nach 1945] [Presse] [Ahnenforschung] [Rozgart heute] [Tourismus] [Links] [Kontakt] [Gästebuch] [Wersja Polska] [Special Interest] [Thörichthof]