1890
Geschichtliches

Zur Geschichte von Thörichthof (aus: Neues Marienburger Heimatbuch, 1967, ergänzt von MJ)


Thörichthof (1,3 m über NN)

Zunächst war Thörichthof ein Ordenshof, der unter Verwaltung von Hofmeistern oder Pflegern stand. Eine einwandfreie Deutung des Namens war bisher nicht möglich; Semrau vermutet, dass in diesem Hof die ‚torechten‘ (törichten) Herren (Ordensbrüder) in Gewahrsam gehalten wurden. Der Ordenshof wird zuerst 1399 genannt. B. Schmid vermutet, dass er um 1360 entstanden sei. Semrau stellt fest, dass aus der Handfeste für Rosengart von 1355 die Existenz von Thörichthof bereist nachweisbar ist. Zwischen 1355 und 1399 werden Thörichthof 21 Hufen von der Feldmark im östlichen Teil von Rosengart zugewiesen; sie bildeten später das Dorf Alt Rosengart.

Nach der Niederlage von Tannenberg und den darauf folgenden Wirren erlitt auch Thörichthof mancherlei Schäden, ebenso wie durch Überschwemmungen. Ein Vergleich der Inventare von 1419 und 1565 besagt, dass die Pferdezucht unter polnischer Herrschaft aufgegeben worden war. Die Stückzahl des Viehs ist von 137 auf 150 gestiegen, die Zahl der Milchkühe von 41 auf 21 gesunken.

Thörichthof heißt jetzt ‚Szalinec‘. Schmid berichtet, dass an dieser Stelle 1607 ein großes, mit Ziegeln gedecktes, zweistöckiges Haus mit Kellern, einem Flur, 2 Stuben und einer Kammer im Erdgeschoß, einem Saal und einigen Nebengebäuden gewesen sein, ebenso ein Küchengebäude, Stall, Speicher, eine Wagenscheuer und 2 Scheunen. 1726 wurde das Vorwerk Thörichthof „in perpetuam emphyteusium“ auf Zins ausgetan. Durch Privileg vom 30. November 1727 erhielt es 19 Hufen, 16 Morgen Land; hieraus entwickelte sich schließlich das Bauerndorf. Von dem alten Ordenshofe ist nichts mehr vorhanden, nach älteren Karten muss es zwischen der Werderschen und der Höheschen Thiene gelegen haben – dort, wo jetzt die Straße nach Pr. Rosengart von der Klakendorf-Staller Straße abzweigt.

Eine geschlossene Dorfanlage ist nicht vorhanden; die Höfe liegen vereinzelt.

1773 wohnten hier laut Kontributionskataster 137 Einwohner. Der Schulze hieß Dietrich Wolter. Bei der Abstimmung 1920 zählte Thörichthof 126 Stimmen für Deutschland, keine für Polen. 1939 hatte Thörichthof 179 Einwohner.
Es gab 10 landwirtschaftliche Betriebe, darunter:

2 von 10-20 ha / 4 von 20-100 ha / 1 über 100 ha.

Eine Windmühle bestand bis 1931; sie besaß von 1854-1907 Schmidt, von dann ab bis 1931 Perschon (Vater); sein Sohn (Willi) baute später eine elektrische 19-to-Mühle, sowie eine Saatgutreinigungsmaschine und ein Silo in Grunau auf.

Semrau stellt fest: Gegenüber dem Gehöft Jungius lag ein mennonitischer Friedhof. Dahinter auf der Feldmark von Herbert Dyck wurden beim Ackern Steinen und Ziegel gefunden, die von einer Brauerei aus alter Zeit stammen sollen.

Die Bahnstation für Thörichthof war Altfelde, ebenso befand sich das Postamt bis zur Motorisierung in Altfelde. Die Kirche für die Evangelischen war in Stalle, für die Katholischen in Thiergart.

Die Schule war einklassig. Lehrer war Herr Ziegner. Letzter Bürgermeister war Bauer Jungius. Der Krug hieß im Volksmund „Das Kasino“, zuletzt „Zum letzten Groschen“.

Zuletzt (bis 1945) bestanden 5 größere Höfe (Hermann Dyck, Willy Friesen, Herbert Dyck, Jakob Driedger und Heinrich Wiehler) und 2 kleinere Höfe (Erich Dyck und Ewald Jungius).
Es gab des weiteren eine Molkerei, die Ende der 30iger Jahre abgerissen wurde, eine einklassige mehrstufige Volksschule, einen Mennoniten-Friedhof, einen Kleinbahnanschluß zur Zuckerfabrik Altfelde, 2 Flüsse (die Werdersche und die Höhesche Thiene), die in den Drausensee und in das Frische Haff mündeten.

Eine kleines, friedliche Dorf, naturverbunden mitten in einer unruhigen Welt.

Deshalb ist die Geschichte eines Landes auch immer die Geschichte der Menschen, die dort leben und gelebt haben und mit ihrer täglichen Arbeit das Antlitz ihrer Heimat geformt, geprägt und verändert haben. Ihnen gilt die hohe Anerkennung für ihre Leistungen, die sie in vielen Jahren erbracht haben.

Hinterlassene Spuren sind in unterschiedlichem Maße vielerorts noch bis heute sichtbar, wobei manche vom Lauf der Zeit, sowie besonders vom letzten Krieg und den Nachkriegszeiten teilweise oder gar ganz verwischt wurden.

Uns – der letzten Generation, die die alte Heimat noch bewusst erlebt und in Erinnerung behalten haben – bleibt es vorbehalten, die Geschichte und letzten Stunden unseres Dorfes zu bewahren und an unsere Nachfolgegenerationen weiterzugeben. Das sollte unsere Verpflichtung gegenüber unseren Vorfahren sein.

Die Flucht am 24. Januar 1945, die den kriegerischen Handlungen des Zweiten Weltkrieges geschuldet war, beendete die Dorfgemeinschaft Thörichthof auf lange Zeit. Jeder musste sich in fremder Umgebung eine neue Existenz schaffen.

Die Überlebenden trafen sich erstmals wieder im Jahre 1999, nach über 50 Jahren – in Lüdinghausen, danach jährlich in Göttingen.
Wie haben wir uns verändert!

Ein weiser Philosoph hat es auf den Punkt gebracht: „Niemand ist der Herr seines Weges und kein Mensch hat die Macht, den Gang seiner Schritte zu bestimmen“, d.h. dem Schicksal kann niemand ausweichen.


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