1890
Mennoniten II

Die Mennoniten in Preußisch Rosengart, von Hannelore Reimann, geb. Epp


Die Mennoniten sind eine Glaubensgemeinschaft, die die Glaubenstaufe (Erwachsenentaufe) befürwortet. Bereits 1525 hielt die Täufergemeinde ihre erste Taufe und Abendmahlsfeier ab. Aus diesem Grund wurden sie verfolgt und mit der Todesstrafe bedroht. Im Jahr 1536 fand Menno Simons (1496-1561), ein katholischer Priester, zu dieser Gruppe und sammelte sie in Holland und Norddeutschland um sich. In dieser Zeit erhielt die Glaubensgemeinschaft den Namen „Mennoniten“.

Außer der Glaubenstaufe war die Bergpredigt ihre Richtschnur: Ablehnung des religiösen Eides, Ablehnung des Kriegsdienstes und der Verbindung von Staat und Kirche. Ihre Lehrer waren Laienprediger, die von den Gemeinden selbst gewählt wurden.
Die Mennoniten in Holland, Friesland und Ostfriesland waren nicht nur tüchtige Bauern, sondern durch die geographische Lage Experten im Deichbau. Um den unerträglichen Bedrohungen wegen ihres Glaubens zu entkommen, siedelten die Mennoniten nach Verhandlungen in der Mitte des 16. Jahrhunderts nach Westpreußen um, wo sie nicht nur Landwirtschaft betrieben, sondern den Deichbau im Weichsel- und Nogatdelta zur Landgewinnung und -trockenlegung vorantrieben. Auch unsere engere Heimat, das große und kleine Marienburger Werder, gehörte zu diesem Gebiet.

In Preußisch Rosengart waren daher noch 1945 von den 16 landwirtschaftlichen Betrieben des Dorfes 10 in mennonitischem Besitz.

Ende des 18. Jahrhunderts wanderten die Mennoniten verstärkt von Westpreußen nach Nordamerika und Russland aus, da von staatlicher Seite die Wehrfreiheit aufgehoben werden sollte, was 1868 tatsächlich geschah. Durch die Gegenwehr der mennonitischen Abordnung beim damaligen König Wilhelm I. wurde vereinbart, dass kein Mennonit an der Waffe dienen musste, sondern im Sanitätsdienst und ähnlichen Einrichtungen eingesetzt werden sollte. Und statt Eidesleistung galt die Verpflichtung durch Handschlag. Diese Abmachung hatte auch noch im ersten Weltkrieg 1914 –1918 Bestand.

Doch auch Mennoniten nahmen nach der Kabinettsordre von 1868 „alle mit gleicher Pflicht in den Kampf zu ziehen“ den Kampf mit der Waffe auf. So wurde die Sonderstellung im Kriegseinsatz – zunächst hart erstritten – doch schon durchlässig. Folglich waren auch in der kämpfenden Truppe unter den Mennoniten Verluste zu beklagen. In dem Zusammenhang darf das „Kriegerdenkmal“ vor der Kirche in Pr. Rosengart nicht unerwähnt bleiben. Ein hoher grauer Stein, auf dessen Spitze ein Adler mit ausgebreiteten Schwingen wie ein Schutzschild kauerte. Darunter die Namen der im Krieg 1914/18 gefallenen Glaubensbrüder unserer Kirchengemeinde Thiensdorf – Pr. Rosengart im kleinen Marienburger Werder.

Mit dem 30. Januar 1933 wurde gewiss auch für die Mennoniten Einiges brisanter: Die Wehrfreiheit wurde durch die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht aufgegeben. In der Zeit des Nationalsozialismus gehörten die mennonitischen Landräte trotz ihrer politischen Ämter zur Kirche. Das kirchliche Leben auf dem Lande verlief in diesen Jahren aber verhältnismäßig ruhig. In wieweit die Prediger während ihrer Reden beobachtet oder gar kritisiert wurden, vermag ich nicht zu beurteilen. Der Zusammenhalt im ländlichen Raum war stark. Die Zugehörigkeit zu einem politischen Verband veranlasste weder ein Familienmitglied noch unsere mennonitischen Nachbarn aus der Kirche auszutreten. Es wurde auch niemand dazu aufgefordert.

Unsere „Ältesten“ – Cornelius Dirksen in Thiensdorf und Heinrich Wiehler für Pr. Rosengart standen der Gemeinde vor.
Als weitere Namen von Predigern sind zu nennen: u. a. Fritz Marienfeld (Rosenort), Otto Bartel (Grunau), Erich Siebert (Markushof), Rudolf Hein (Eschenhorst), Willi Dirksen (Pr. Rosengart). Zu den Diakonen gehörten u. a. Hermann Dück I (Thörichthof), Hermann Pauls II (Pr. Rosengart), Wilhelm Penner (Pr. Königsdorf). Die Prediger unserer Kirchengemeinde Thiensdorf / Pr. Rosengart waren Bauern aus den umliegenden Dörfern als Laienprediger, oft in zweiter Generation. Siehe auch: Prediger

Zu einem lebendigen Gottesdienst und Gemeindeleben gehörte nicht nur das Wort, die Predigt, sondern auch das Lied, der Chorgesang und nicht zuletzt der Klang der Orgel. Über letztere kann ich nur von Pr. Rosengart erwähnen, dass Frau Martha Wiehler (sie wohnte im Tannenhaus) in den zwanziger Jahren den Dienst als Organistin versah, den sie aber dann 1935 wegen Krankheit aufgeben musste. Danach hatte meine Mutter, Frau Elfriede Epp, dieses Amt – eigentlich mit anderen Damen der Kirchengemeinde – übernommen. Da aber von unserem Hof nur ein Fußweg von 5 Minuten zurückzulegen war, übernahm Mutter natürlich öfter den Platz auf der Orgelbank. Zu den Gottesdiensten kamen noch Hochzeiten und Trauerfeiern hinzu, die entsprechend begleitet wurden.

Nun aber noch zu dem schon erwähnten Chorgesang, zu dem sich Frauen und Männer im Kirchenchor zusammengefunden hatten. Da der Weg zur wöchentlichen Übungsstunde weit und das Wetter nicht immer freundlich war, gehörten schon Ausdauer, Freude am Gesang und auch Zusammengehörigkeitsgefühl dazu. Der letzte Dirigent war nach meiner Erinnerung Lehrer Jarcke aus Schwansdorf.

Und was wären die Gottesdienste ohne den gesanglichen Beitrag des Chores – besonders an den großen Festtagen des Jahres. Ich denke da insbesondere an das Pfingstfest. Nach einem ca. 5-monatigen samstäglichen Unterricht – vom 1. Advent bis Christi Himmelfahrt – empfingen die 14 – 15-jährigen Jugendlichen die Heilige Taufe und wurden somit in die Gemeinde aufgenommen und zum Abendmahl zugelassen.

Die Kinder unserer Pr. Rosengärter Kirche wurden auch in das Gemeindeleben einbezogen. Sie besuchten – gemeinsam mit den evangelischen Kindern – die Sonntagsschule am Nachmittag. Die Leitung der Sonntagsschule übernahmen ein Prediger und ein Diakon.
Das Foto zeigt die Gruppe während eines Sommerfestes im Garten des Ältesten Heinrich Wiehler in Thörichthof (ca. 1932).

sonntagsschule_1932

Die Namen der meisten hier abgebildeten Personen finden Sie unter: Sonntagsschule

Mutter saß auch zum Weihnachtsgottesdienst 1944 an „ihrer“ Orgel, wie wahrscheinlich auch noch am Neujahrstag 1945. Dann aber kamen die letzten drei Wochen zu Hause! Man diskutierte mit den Nachbarn, spürte den Ernst der Lage. Doch konnte sich niemand vorstellen, Haus und Hof verlassen zu müssen. Am traurigsten war der Gedanke an die Tiere. Von den politisch Verantwortlichen kam keine Erlaubnis zur Flucht. Der Gedanke, von russischen Truppen überrollt zu werden, war unerträglich.

Im Januar 1945 zerbrach dann die Gemeinde. Am 24.1. um 13:00 setzte sich der Treck unseres Dorfes Pr. Rosengart in Bewegung. Einen Blick zurück wagte wohl kaum jemand.

Nach der Flucht vor der sowjetischen Armee in Richtung Westen nutzen viele die Möglichkeiten, nach Nord- und Südamerika auszuwandern, wo sie schon Glaubensbrüder wussten.
Aus unserem Dorf verließen in den Nachkriegsjahren Deutschland in Richtung Kanada: Familie Willi Dirksen (5 Personen), Erika Quapp, Walter und Günter Froese und mein Bruder Egon Epp.

So endete die ca. 400 Jahre lange währende Geschichte der Mennoniten im Weichsel- und Nogatdelta sowie im kleinen und großen Marienburger Werder.

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